Dienstag, 31. Juli 2012

Watchlist

Gesehen im Juli:

Der Leichenverbrenner  8/10
(Juraj Herz, 1969)

Außer Atem  8/10
(Jean-Luc Godard, 1960)
Pfahl in meinem Fleisch  8/10
(Yoshio Tsuchiya. 1969)
Das Leben ist schön  1/10
(Roberto Benigni, 1997)
Inland Empire  10/10
(David Lynch, 2006)
Lost Highway  10/10
(David Lynch, 1997)
Ex Drummer  8/10
(Koen Mortier, 2007)
Ein kurzer Film über das Töten  9/10
(Krzysztof Kieslowski, 1988)
Ein kurzer Film über die Liebe  9/10
(Krzysztof Kieslowski, 1989)
Breakfast at Tiffanys´s  5/10
(Blake Edwards, 1961)
Geständnisse  8/10
(Tesuya Nakashima, 2010)
Dead Man  4/10
(Jim Jarmusch, 1995)
Der Sehnsucht der Veronika Voss  8/10
(Rainer Werner Fassbidner, 1981)
Cosmopolis  8/10
(David Cronenberg, 2012)
Accatone  7/10
(Pier Paolo Pasolini, 1961)
Garden State  3/10
(Zach Braff, 2004)
Schreie und Flüstern  9/10
(Ingmar Bergmann, 1972) 
Johnny Got His Gun  9/10
(Dalton Trumbo, 1971)
Coffee and Cigarettes  4/10
(Jim Jarmusch, 2003)
All About Eve  10/10
(Joseph L. Mankiewicz, 1950)
Blowup  8/10  
(Michelangelo Antonioni, 1966)

Hiroshima mon amour  9/10
(Alein Resnais, 1959)
Die Frau in den Dünen  8/10
(Hiroshi Teshigahara, 1964)
Elf Uhr Nachts  8/10
(Jean-Luc Godard, 1965)
Der Diskrete Charme der Bourgeoisie  9/10
(Luis Bunuel, 1972)
Rear Window  8/10
(Alfred Hitchcock, 1954)
Eagle Eye  2/10
(DJ. Caruso, 2008)
Die Verachtung  8/10
(Jean-Luc Godard, 1963)
Peeping Tom  9/10
(Michael Powell, 1960)

Macbeth  5/10
(Orson Welles, 1948)
Nacht und Nebel  8/10
(Alain Resnais, 1955)
Some Like it Hot  9/10
(Billy Wilder, 1959)
A Perfekt Getaway  3/10
(David Twohy, 2009)
Evangelion: 1.0 - You are (not) alone  6/10
(Masayuki, 2007)
This is England  7/10
(Shane Meadows, 2006)
The Dark Knight Rises  3/10
(Christopher Nolan, 2012)
A History of Violence  9/10
(David Cronenberg, 2005)
The Fly  9/10
(David Cronenberg, 1986)
The Silence of Lambs  6/10
(Jonathan Demme, 1991)
At Land  6/10
(Maya Deren, 1944)
Benny‘s Video  1/10
(Michael Haneke, 1992)





Dienstag, 24. Juli 2012

The Dark Knight

The Dark Knight (Christopher Nolan, 2008)


Anfang. Der Joker ist kein Psychopath. Er ist ein skrupelloser, anarchistischer Verbrecher, nur geschminkt und den ganzen Film über vor sich hinschmatzend, womit er den ganzen Film über zu sagen scheint: "Habt Angst vor mir, ich bin einer völlig kranker Psychopath!". Ein Mann, der Banken ausraubt, Schulbusse klaut, Krankenhäuser in die Luft jagt und scheinbar einfach nur nach den Chaos in der Gesellschaft sucht und dies natürlich ganz besonders clever anstellen will, in dem er Batman umbringt. Dabei versucht Nolan immer wieder den Wahnsinn des Jokers anhand von scheinbar sinnlosen Ermordungen und durch sein clownartiges Auftreten darzustellen und zeigt dabei immer wieder, dass der Joker kein sinnlos vor sich hinmordender Psychopath ist. Nein, seine Morde scheinen alle eben einen Sinn zu haben, nämlich die langsame Zerstörung eines sich gerade zur Besserung besinnenden Gotham, dessen Korruption immer mehr abnimmt, was vor allen Dingen dem "guten" Anwalt Harvey Dent zu verdanken ist.
Was Nolan in "The Dark Knight" ein ganzes Stück besser macht, als in seinem Vorgänger ist die erweiterte und nicht allzu angestrengte Hingabe zu Figuren, Inhalt und Aussage. "Batman Begins" ist war darin um einiges angestrengter, langsamer und dennoch inhaltlich deutlich ärmer. Man versuchte in ausschweifenden Kämpfen und langen Wegen nach Erweiterung der Figur und wollte diese durch Dunkelheit und Angst gehen lassen um sie an das Batman-Kostüm anzupassen.

In "The Dark Knight" geht es Nolan nicht um die Figuren, sondern viel mehr darum, was angerichtet wird. Es geht in diesem Film mehr um Batman, als Bruce Wayne ohne dabei wirklich an Batman selbst zu denken. Man richtet sich hier an den Sinn, an die Wichtigkeit, die der Held nun in sich trägt oder nicht. Ob er in allen Zeiten wirklich nur gutes tut. Man lässt hier einen enormen Druck auf Bruce Wayne alias Batman los und er weiß nicht immer ob er diesen standhält. So bleibt "The Dark Knight" auf der einen Seite gesundes Blockbuster-Kino, was auf überaus aktuelle Weise den Helden als dunklen, zum Ende hin gebrochenen Ritter portraitiert. Auf der anderen Seite verliert sich Nolan in "The Dark Knight" allerlei, was nicht wirklich meinem Geschmack entspricht. Sein Film hält nur leicht an den Figuren selbst fest, was dann wenigstens zu keiner angestrengten Charakterisierung wie im Vorgänger wird. Er lässt die Figuren dafür umso mehr im Pathos-Sumpf versinken. Seien es der böse Joker und alle anderen bösen Mafia-Mitglieder oder seien es ebenso die lieben Helfer auf der anderen Seite (Morgan Freeman und Michael Caine sind für solche Rollen ja wohl bestens geeignet). Nolan versucht zwar dabei auch ein Auge auf den Joker zulegen, der sich als gewollt verrückter Verbrecher leider etwas gerade dabei eben sehr gewollt wirkt. Außerdem geht es Nolan ebenso um die Figur Harvey Dent. Seine Verwandlung vom Guten zum Bösen ist keinesfalls schlecht gespielt, doch insgesamt zu einfach kreiert: Seine Frau stirbt und nun sucht er mit allen Mitteln die verantwortlichen. Abgesehen davon hat "The Dark Knight" zweifelsohne mit seiner Fantasielosigkeit (man siehe schon bei Nolans "Inception" - Träume im James Bond-Desgin) zu kämpfen. Ebenso wirken eben auch seine leider auch zu lang geratenen Action-Szenen, die zu Teilen leider vollkommen lieblos aussehen und dabei unpassenderweise von dem laut aufgedrehten Countdown-Score von Hans Zimmer begleitet werden, was auf die (äußerst reichlichen) Dauer dieses Films anstrengt.
Fazit: "The Dark Knight" hat was. Manchmal etwas zu viel, manchmal etwas zu wenig. Nolan macht es sich im zweiten Teil leichter, dafür wirkt das dann im Gesamtpaket deutlich stimmiger. Sein Sequel leidet unter den typischen Merkmalen, die ihn für seine Skeptiker durchaus weniger reizbar machen könnte, doch hat man hier dennoch eine vollständige Neuintepretation, die durch Nolans Fantasielosigkeit auf der einen Seite aufstösst, dafür auf der anderen Seite einen neuen Reiz entwickelt und Batmans Figur durchaus etwas hinzuzufügen hat.

Dienstag, 17. Juli 2012

Hiroshima mon amour

Hiroshima mon amour (Alain Resnais, 1959)


"Hiroshima mon amour" ist eine einzigartige, filmische Schönheit. Schon die ersten Szene beraubt einem den Atem. Erinnerungsfetzen werden im Voice-Over aufgesagt und eingeblendet, während ein Mann immer die Worte "Du hast nichts gesehen in Hiroshima" ausspricht. Der Rest dreht sich um eine namenslose Frau, die eine Nacht mit einem Japaner verbracht hat und nun abreisen muss, wovon ihr der Japaner die ganze Zeit abraten will. Dabei kommen immer wieder die Sehnsüchte an die Zeit hoch in der sie ihre erste große Liebe während des zweiten Weltkrieges traf. Alain Resnais geht es in diesem Film um den Schmerz und das Glück des Erinnern. Es ist eine einzige Meditation, die uns die Schönheit, in der wir Dinge in der Retrospektive betrachten, verdeutlicht. Dabei laufen die zwei Menschen in der Gegenwart durch das trostlose Hiroshima in der Nachkriegszeit. So zeigt "Hiroshima mon amour" einem die Wohlgestalt fiktionaler Wahrnehmung und in dokumentarischen Bildern die ungeschönte Realität. Ein pessimistisches Wunderwerk, in dem Schönheit nur noch in Erinnerungen existiert.

Sonntag, 15. Juli 2012

Lost Highway

Lost Highway (David Lynch, 1997)


"Lost Highway" ist ein Film, wie er sein sollte. Für das Medium geschaffen. Voller visueller Einfälle, Bildgewalt, Verwirrung und Spannung. David Lynch hält sich hier an keine Regeln, keine Linie, es ist keine gerade Fahrt durch eine gerade, sondern verlorene Autobahn, durch die er uns zerrt. Er zeigt, dass großes Kino doch manchmal so wenig mit erzählen zu tun hat, sondern viel mehr mit fühlen und erleben. "Lost Highway" entzieht sich dem Zuschauer auf den ersten Blick jeder Logik. Eine zentrale Botschaft bleibt aber dennoch nicht außen vor. Seine Filme ziehen uns gerne in Abgründe, man siehe schon "Blue Velvet". In jenem lässt er uns spüren, wie schwer man sich von manchem nicht befreien kann. Ob nun in Traum oder Realität.





Zu Anfang beobachten wir die Ehe, geführt von Renee und Fred. Diese wirkt auf den Zuschauer merkwürdig distanziert und kaltherzig. Sie scheinen sich beide nicht mehr viel sagen zu haben. Als sie auf der Couch sitzen und sich ein Video ansehen - welche das Paar immer anonym zugeschickt bekommt (sie haben deswegen schon die Polizei gerufen) - besteht ein ganzer Meter zwischen ihnen, nur als Beispiel. Fred ist die ganze Zeit zutiefst misstrauisch, scheint unentwegt zudenken seine Frau geht fremd. Plötzlich ist ein weiterer Tag vergangen, Fred ist alleine. Vor dem Haus liegt mal wieder eine Videokasette vor der Tür. Darauf sieht er plötzlich wie er Renee umbringt.  Man zerrt Bill Pullman in die scheinbar gnadenlose Wahrheit, die er selber gar nicht ertragen kann: Er hat seine Frau scheinbar wirklich umgebracht und das ist sogar auf Videoband. Doch Fred will dies nicht wahrhaben. Warum? Er sagt es selber in einer Szene: "I prefer to remember the things in my own opinion, not necessarily the way they happened." Er wird für schuldig erklärt und wird zum Tode verurteilt. Doch davor wird er erstmal in eine Zelle gesperrt. Dort angekommen hat er unentwegt Kopfschmerzen. Es scheinen Gewissensbisse zu sein, unter denen er dort unentwegt zu leiden hat. Er sieht andauernd seine blutüberströmte Frau. 




Mehr und mehr scheint er sich in eine andere Welt denken zu wollen. Vielleicht will er sich damit von all den Gedanken, die sich in seinem Kopf abspielen befreien und sich in eine neue Welt denken. Er ist aufeinmal jemand anderes und wird freigelassen. Sein neues ich ist eines, welches all das aufweist, was er nicht hatte. Er hat ein großes Ansehen. Alle mögen ihn. Er ist bestens in seinem Job, hat Freunde, eine Freundin. All die Freiheiten, die er vorher nicht hatte. Doch angekommen in dieser Welt, will er noch mehr. Es scheint so als hätte diese Figur, in der er sich nun befindet schon vorher gelebt als andere Gestalt gelebt. Diese war dieses Leben gewöhnt als der der er ist. Für Fred ist das betreten dieser Welt noch neu und deswegen macht er Dinge, die unvernünftig sind. Er betrügt seine Freundin und lässt sich auf eine Affäre mit der Frau (Alice) von seinem treuen, zu ihm netten, aber (was sich schnell andeutet) nicht ungefährlichen Typen Mr. Eddy, ein. Das ist es, woran er letztlich scheitert. Mr. Eddy scheint immer mehr zu erfahren über die Beziehung der beiden und sie müssen dringend abhauen, da Mr. Eddy laut Alice schon eine Ahnung davon haben so. Sie hat den Plan einen zu überfallen, damit sie Geld bekommen und abhauen können und richtiges Leben starten können. Während des Ablaufes läuft sowieso in dieser Welt, in der Fred als Pete hier angekommen ist immer mehr falsch. Er schafft es nicht sich vollkommen von seiner alten Welt zu trennen. Das deutet sich dadurch an, dass diese Alice genauso aussieht wie seine Frau zuvor Renee, nur in blond (waren auch beide gespielt von der selben Schauspielerin). Renee sieht er in einer Szene tatsächlich auf einem Bild. Das breitet ihm immer große Kopfschmerzen. Diese stehen immer dafür, dass er sich wieder zurückerinnert, was wirklich gerade passieren soll. Es sind die Erinnerungen an sein altes Leben, die ihn durch den Mord an seiner Frau, den er sich nach wie vor nicht eingestehen kann, Kopfschmerzen bereiten. Da reicht selbst Saxophon-Gespiele, was ihn als seine alte Karriere als Saxophon-Spieler erinnert. Am Ende scheint die imaginierte Welt für Fred keinen Sinn mehr, weil Alice ihm zu einem Mord nötigt. Die zentrale Aussage scheint nun zu sein, dass man sich nicht in ein anderes Leben, eine andere Welt flüchten kann. Das gewisse Wunden in der Vergangenheit so tief sein können, dass sich nicht mehr zu heilen sind. Nicht mal in der Phantasie. Es ist dieses traumatische Erlebnis, diese traumatisch Erfahrung, die Fred macht, aus der er sich mit aller Kraft versucht zu befreien, es aber letztlich nicht schafft. Er bleibt er selbst. Er findet sich nicht als ein angesehener Mechaniker wie es Pete ist, zurecht.




Ausklingen lässt Lynch den Film damit, dass Fred keine Möglichkeit mehr sieht, als zurück zum Anfang zu gelangen, sich einzubilden, dass nur er selbst alles ist. Der der Dick Laurent umgebracht hat, der der die Nachricht am Ende ("Dick Laurent is dead") verschickt, der den alle jagen. Er ist der Sündenbock, er wird gejagt und das bis zum Ende, er kann sich in keiner besseren Welt,  in keinem Bilderbuch-Leben zurechtfinden. Er wird gejagt durch die Wüste, ist am Ende angelangt und rast bis zum Ende der verlorensten Autobahn vor der Wahrheit weg und hält diese vor dem Zuschauer auch erstmal verschlossen. Doch um nicht alles auf sich zu schieben, will er doch noch jemanden haben, der für die Videos verantwortlich ist. Er erschafft den "Mystery Man". Er bleibt seine Illusion, seine Angst, sein Mysterium, unser Mysterium, aber auch der der irgendwo schwebt und die Videos macht.




Mit "Lost Highway" hat David Lynch ein faszinierendes Erlebnis geschaffen, dessen Wirkung ein Wort wie "Meisterwerk" nie gerecht wird. Es ist ein Lebenswerk. Ein Stück, was einen erfahren, sehen und hören lässt nach all den Möglichkeiten, die Filme bieten. Vollkommen ohne klare Erfassung entsteht ein eben unfassbares Kunstwerk. So angsterfüllt, wie berauschend, endlos spannend, ohne dass man genau weiß wobei man gerade mitfiebert. Ein filmischer Höhepunkt, einer lang ausgedehnten Autobahn, die in Kurven den Zuschauer endlos in die Irre führt. 

10/10

Donnerstag, 12. Juli 2012

Johnny zieht in den Krieg

Johnny Got His Gun (Dalton Trumbo, 1971)

Unfassbar beklemmend fühlt es sich an, wenn man beobachtet wie die Hauptperson nach und nach feststellt, was nicht mehr an ihm dran ist, wenn er merkt, dass er nicht sehen oder hören kann und sein Gesicht eigentlich kaum noch vorhanden ist. Genauso beklemmend ist es wenn er versucht Kontakt mit Personen aufzunehmen, wenn er raus aus dieser Situation kommen möchte, gerne tot wäre, aber gefesselt da liegen muss und von den Menschen gar nicht mehr als richtiger Mensch wahrgenommen wird. Zwischendurch gelingt es ihn immer wieder sich in Erinnerungen, Vorstellungen oder Halluzinationen zu flüchten, doch wird er immer wieder mit dieser schmerzvollen Situation, aus der er sich sonst kaum befreien kann, auf den Boden der Realität geholt. 



"Johnny Got His Gun" ist ein großer, ganz großer Anti-Kriegsfilm, schon aus dem Grunde, dass er genau an der richtigen Stelle ansetzt. Er fühlt die tiefen Narben, die der Krieg hinterlässt. Wie er Leben und Hoffnungen einzelner Menschen zertrümmern kann, und das mit einer einzigen Explosion, die uns dieses glaubwürdige, mutige, wichtige Drama, wie aus dem Krieg dokumentiert, vorhält. Meisterwerk.


Montag, 9. Juli 2012

Geständnisse

Kokuhaku (Tetsuya Nakashima, 2010)

Fantastisch überstilisiert in krass edlen Bildtönen. Ein perfekt an der Stange haltender Rache-Musikclip mit wundervollen Pop-Songs, haufenweise an atemberaubend, twistigen Aha-Momenten und tollen (Jung-)Darstellern. Der Rashomon-Erzähl-Stil erfolgt konsequent und geht perfekt immer wieder auf einzelne Szenen, Nuancen, Einstellungen oder Charaktereigenschaften ein. Stapelt und unterteilt perfekt die Geschichte in Antworten und Fragen auf- und übereinander, die während des Ablaufs entstehen. "Geständnisse" stellt Rache nicht bloß als stumpfe Gewaltaneinanderreihung dar, sondern lässt seinen Rache-Engel tief in die Psyche des Feindes blicken, um ihn tiefer in den eigenen Abgrund zuziehen. Die Motive für die Ermordung der Tochter sind nicht immer wirklich gelungen (Junge der seine Mutter vermisst) beschrieben, aber inhaltliche Perfektion sollte man hier nicht überbewerten. "Geständnisse" ist einer der interessantesten und besten Thriller der letzten zwei, drei Jahre und am Ende sitzt man emotional zutiefst bewegt und durch die schnell und gut formulierten Wendungen gut gefordert vor dem Bildschirm.

Samstag, 7. Juli 2012

Ein kurzer Film über das Töten

Króki film o zabijaniu (Krzysztof Kieslowski, 1988)


Bei Kieslowski gibt es keine Gerechtigkeit, keine Erlösung, keine Hoffnung, keine Freude, keinen Trost, nein, denn er handelt nun einmal vom das Töten. Töten um sich selbst zu helfen und töten um der Gesellschaft helfen zu wollen, was sich als bloße Sinnlosigkeit in beiden Belangen herausstellt. Die grausame Tötungsszene, die der junge Mann hier begeht, welchen man erstmal bloß dabei beobachtet, wie er trübe und gedankenverloren durch die Straßen läuft, ist so qualvoll, langgezogen, brutal und wirkt auf den Zuschauer erst einmal so unmenschlich wie unverzeihlich, aber will das die Hinrichtung zum Ende doch in nicht in irgendeiner Weise rechtfertigen - ganz im Gegenteil. Man fühlt sich währenddessen so, als würde man sich gerade einen der brutalsten Mord der Filmgeschichte ansehen, was vor allem an dem hochemotionalen Dialog zwischen ihm und dem Anwalt zuvor liegt. Ein wichtiger, trister, dreckiger, nihilistischer, hässlicher, unbedingt sehenswerter, kurzer, aber wirksamer Film über das Töten.

Donnerstag, 5. Juli 2012

Melancholia

Melancholia (Lars von Trier, 2011)

Der Vorhang zieht sich auseinander: Licht. Bühne. Ultrazeitlupe. Vögel prasseln aufeinander. Planeten zielen aufeinander. Alles fällt. Alles. Der Weltuntergang wird gezeigt. Sowie Von Trier in letztlich doch nicht zeigen will. So poetisch, unfassbar. Klassische Musik bis zur Grenze des Erträglichen. Bis alles ineinander stürzt. Man weiß es genau. Man hat keine Hoffnung mehr. Weder bei der Hochzeit noch sonst. Ein Ehepaar und die Welt. Zwei Dinge die hier auf härteste Weise auseinander brechen. Kein Wissenschaftler, kein Mensch, niemand hält es für möglich, doch keiner kann es wirklich bezeugen. So wirkt das Ganze ziemlich unsicher und genau das fühlt der Zuschauer, da die melancholischen und niederträchtigen Anfangssequenz all jenen Verdacht auf Rettung zerstört. Trotz des entspannten verspäten bei der Hochzeit. Trotz des locker und lakonischen Humor. Lars Von Trier unterlegt jede einzelne Szene mit einem eiskalten und fast schon demütigen Klang. Konzentriert pflanzt er dem Zuschauer das Gefühl ein, dass es sowieso schon vorbei ist und wie egal das einem doch sein kann, wenn alle Menschen sich mit ständigen Stimmungschwankungen in eine neue Achterbahn aus Verzweiflung, Sicherheit, Selbstzufriedenheit oder Wahnsinn bringen. So können sie schonmal ganz schön anstrengend sein. Wenn sie aber weinend, bedrückt und ohne noch irgendeinen Willen starr da stehen ohne überhaupt eine Bewegung hinkriegen zu können, ohne irgendwelche Kraft, leise und völlig fertig gezeigt werden, hat uns der Regisseur endgültig am Kragen der unfassbaren Denkstrecke gefasst. Nun zerrt der Glaube, das jeder Mensch so frustriert er auch ist, den Weltuntergang nicht mit entspannter Miene beobachtet. Obwohl das Ende einem doch wieder komplett rumreißt und einen Entschluss zieht, nämlich, dass man sich hier nicht einig auf einen echten Entschluss wird und je öfter ich nachdenke, desto zufriedener wirkt das Ende obwohl es letztlich (für mich) unversöhnlich bleibt. Lars Von Triers monumentalstes Werk. Diesmal eher pessimistisch, als so depressiv wie in „Antichrist“, dafür ist die Inszenierung ähnlich wie beim Wald-Terror. Der Prolog langsam, mit einem besondereren Touch und der Rest mit einer in den Bann ziehenden Wackelkamera. Weil Von Trier diesmal mehr Beifall, als den gewünschten „Skandal“ wie zuvor erhielt sicherte er sich diesen natürlich auch noch. Kirsten Dunst als die schöne Depressive ist unglaublich. Man sieht sich in dieser stocksteifen, unsicheren Haltung wieder. Fühlt, schlägt und beißt sich durch den umrissenen, strammen Charakter wie nie. Auch der Rest der Crew ist absolut grandios. Charlotte Gainsbourg übernimmt den zweiten Part mit enormer Kraft und Angst. Versucht ihre Angst nicht unauffällig darzustellen. Versucht dann doch stärker zu wirken. Bleibt misstrauisch. Schließt die Augen und wartet auf die Heimkehr des Planeten während ihre Schwester sich schon lange mit allem abgefunden hat. Ihr Mann versucht es locker zu nehmen, sie zu beruhigen. Versucht sich auf Melancholia zu freuen, bis es irgendwann auch ihm alles klar wird. Der Weltuntergang. Diesmal kein Politiker der den Notstand aufruft. Sondern eine festgehaltene, verlassene, luxuriöse Gegen, die festgehalten wird. Keine Tonnenexplosionen. Keine Wolkenkratzer. Einfach schlicht und schon verstörend. So einfach kann es gehen. 

Mittwoch, 4. Juli 2012

Irreversibel

Irreversible (Gaspar Noé, 2002) 

Über einen Gaspar Noé zuschreiben ist insofern so schwer, weil man das Gefühl hat (obwohl, es ist ja auch meistens einfach so) er selbst würde nichts in seinen Werken aufs Papier bringen. In "Enter the Void" hat man das Gefühl der Mann hätte Clubs und Straßen in Tokyo übereinander gestapelt und von oben die Kamera einfach runter schweben lassen. In "Irreversible" schwebt die Kamera nicht. Sie wirbelt, dreht sich um die eigene Achse und gibt dem Zuschauer erst wieder ein bisschen Orientierung, wenn man in roten Buchstaben das Wort „Rectum“ liest. Doch dann verliert sich die Kamera wieder im Dunkeln, während Lichter aufblitzen und zwei Männer gehetzt um den Club waren. Kein Mensch weiß, was sie tun wollen und sie scheinen es selber nicht zu wissen. Ohne jeden Verstand und einer brennenden Wut im Bauch schlagen sie sich durch die Meute und irgendwann sieht man diesen berüchtigten Gewaltakt. Der Kameramann ist währenddessen wohl eingepennt und der Zuschauer muss sich unter Dauerqualen eine unerträgliche Szene ansehen. Provozierend zeigt Noé wie sich der Mann über einen anderen Mann, der am Boden liegt, her macht und auf ihn hirnlos mit aller Gewalt niederschlägt. Allein diese Szene reicht „Irreversible“ um die rückwärts gehende Erzählweise zu rechtfertigen. Es gäbe nicht wenige Menschen, die diese Szene dadurch gnadenlos abfeiern würden (man fühlt sich teilweise angesichts wegen dem vorher/nachher geschehenden Ereignis fast schon etwas böse ertappt). Es bewirkt aber auch noch, dass eine eigentlich versöhnliche Sequenz mit einer Frau, die friedlich und lesend im Gras liegt zu einer der brutalsten Momente wird. In diesem Fall ist "Irreversible" zu einer Art Vorgänger von „Enter the Void“ wird. Dieser setzt sich zu großem Teil damit auseinander, was Menschen erfahren, wenn ihnen Schmerz widerfahren ist, während „Irreversible“ sich gegen Ende um den bevorstehen Verlust von Menschen befasst. Beide bringen dies auf ihre Weise eindringlich zur Schau und verdeutlichen dem Zuschauer die großen Qualen des psychischen Schmerz.
„Irreversible“ sucht und findet den Konflikt mit dem Zuschauer. Ein Film so unerträglich menschlich, technisch auf höchstem, originellsten Niveau. Der vielleicht wirksamste Anti-Gewalt-Film, den es gibt.


Sonntag, 1. Juli 2012

Letztes Jahr in Marienbad





L'Année dernière à Marienbad (Alain Resnais, 1961)



Die Erinnerungen an diesen Film liegen hier gerade verschwommen und verstreut in meinem Zimmer. Ich will sie wieder aufsammeln. Alles noch mal erleben, noch mal in die rechte Reihenfolge bewegen, es noch mal fühlen. Wovon wird erzählt und was geschieht in diesem Augenblick? Eins bleibt: "Letztes Jahr in Marienbad" sperrt den Zuschauer in sein nobles, riesiges Anwesen und lässt ihn durch alle Räume bis nach draußen auf die Statuen, den See und die Bäume starren. Der Zuschauer schwebt wie ein Geist durch verschiedene Zeiten um das Gebäude, beobachtet, betrachtet und entdeckt (nichts). Dabei nicht enden wollende Versuche vom Mann zu erklären, wann Er und Sie sich getroffen haben und wie alles abgelaufen ist. Wie er die Dialoge aus seiner Erinnerung beschreibt und wie sie dabei bebildert werden ist unnachahmlich. Irgendwie alles langsam und traumartig, irgendwas daran so anrührend und schön, dass man doch meint den vollen Durchblick die ganze Zeit zu haben und irgendwann, leider im diffusen, aber nicht minder angenehmen Zustand zu Ende. Ein Werk, was einen in seiner verschwommenen Orientierungslosigkeit in eine niemals aufhören (sollende) Hypnose zerrt. Die Bezeichnung "Film" ist in diesem wahrhaft schmeichelhaft, für diese unerklärlich schöne Gefühls-Bombe, für die man aber auf jeden Fall in der richtigen Stimmung sein sollte, um sich vollends auf sie einzulassen. Denn jeder Klick auf die Stopptaste könnt in jenem Fall ein barbarischer Atmo-Killer sein.