Lost Highway (David Lynch, 1997)
"Lost Highway" ist ein Film, wie er sein sollte. Für das Medium geschaffen. Voller visueller Einfälle, Bildgewalt, Verwirrung und Spannung. David Lynch hält sich hier an keine Regeln, keine Linie, es ist keine gerade Fahrt durch eine gerade, sondern verlorene Autobahn, durch die er uns zerrt. Er zeigt, dass großes Kino doch manchmal so wenig mit erzählen zu tun hat, sondern viel mehr mit fühlen und erleben. "Lost Highway" entzieht sich dem Zuschauer auf den ersten Blick jeder Logik. Eine zentrale Botschaft bleibt aber dennoch nicht außen vor. Seine Filme ziehen uns gerne in Abgründe, man siehe schon "Blue Velvet". In jenem lässt er uns spüren, wie schwer man sich von manchem nicht befreien kann. Ob nun in Traum oder Realität.
Zu Anfang beobachten wir die Ehe, geführt von Renee und Fred. Diese wirkt auf den Zuschauer merkwürdig distanziert und kaltherzig. Sie scheinen sich beide nicht mehr viel sagen zu haben. Als sie auf der Couch sitzen und sich ein Video ansehen - welche das Paar immer anonym zugeschickt bekommt (sie haben deswegen schon die Polizei gerufen) - besteht ein ganzer Meter zwischen ihnen, nur als Beispiel. Fred ist die ganze Zeit zutiefst misstrauisch, scheint unentwegt zudenken seine Frau geht fremd. Plötzlich ist ein weiterer Tag vergangen, Fred ist alleine. Vor dem Haus liegt mal wieder eine Videokasette vor der Tür. Darauf sieht er plötzlich wie er Renee umbringt. Man zerrt Bill Pullman in die scheinbar gnadenlose Wahrheit, die er selber gar nicht ertragen kann: Er hat seine Frau scheinbar wirklich umgebracht und das ist sogar auf Videoband. Doch Fred will dies nicht wahrhaben. Warum? Er sagt es selber in einer Szene: "I prefer to remember the things in my own opinion, not necessarily the way they happened." Er wird für schuldig erklärt und wird zum Tode verurteilt. Doch davor wird er erstmal in eine Zelle gesperrt. Dort angekommen hat er unentwegt Kopfschmerzen. Es scheinen Gewissensbisse zu sein, unter denen er dort unentwegt zu leiden hat. Er sieht andauernd seine blutüberströmte Frau.
Mehr und mehr scheint er sich in eine andere Welt denken zu wollen. Vielleicht will er sich damit von all den Gedanken, die sich in seinem Kopf abspielen befreien und sich in eine neue Welt denken. Er ist aufeinmal jemand anderes und wird freigelassen. Sein neues ich ist eines, welches all das aufweist, was er nicht hatte. Er hat ein großes Ansehen. Alle mögen ihn. Er ist bestens in seinem Job, hat Freunde, eine Freundin. All die Freiheiten, die er vorher nicht hatte. Doch angekommen in dieser Welt, will er noch mehr. Es scheint so als hätte diese Figur, in der er sich nun befindet schon vorher gelebt als andere Gestalt gelebt. Diese war dieses Leben gewöhnt als der der er ist. Für Fred ist das betreten dieser Welt noch neu und deswegen macht er Dinge, die unvernünftig sind. Er betrügt seine Freundin und lässt sich auf eine Affäre mit der Frau (Alice) von seinem treuen, zu ihm netten, aber (was sich schnell andeutet) nicht ungefährlichen Typen Mr. Eddy, ein. Das ist es, woran er letztlich scheitert. Mr. Eddy scheint immer mehr zu erfahren über die Beziehung der beiden und sie müssen dringend abhauen, da Mr. Eddy laut Alice schon eine Ahnung davon haben so. Sie hat den Plan einen zu überfallen, damit sie Geld bekommen und abhauen können und richtiges Leben starten können. Während des Ablaufes läuft sowieso in dieser Welt, in der Fred als Pete hier angekommen ist immer mehr falsch. Er schafft es nicht sich vollkommen von seiner alten Welt zu trennen. Das deutet sich dadurch an, dass diese Alice genauso aussieht wie seine Frau zuvor Renee, nur in blond (waren auch beide gespielt von der selben Schauspielerin). Renee sieht er in einer Szene tatsächlich auf einem Bild. Das breitet ihm immer große Kopfschmerzen. Diese stehen immer dafür, dass er sich wieder zurückerinnert, was wirklich gerade passieren soll. Es sind die Erinnerungen an sein altes Leben, die ihn durch den Mord an seiner Frau, den er sich nach wie vor nicht eingestehen kann, Kopfschmerzen bereiten. Da reicht selbst Saxophon-Gespiele, was ihn als seine alte Karriere als Saxophon-Spieler erinnert. Am Ende scheint die imaginierte Welt für Fred keinen Sinn mehr, weil Alice ihm zu einem Mord nötigt. Die zentrale Aussage scheint nun zu sein, dass man sich nicht in ein anderes Leben, eine andere Welt flüchten kann. Das gewisse Wunden in der Vergangenheit so tief sein können, dass sich nicht mehr zu heilen sind. Nicht mal in der Phantasie. Es ist dieses traumatische Erlebnis, diese traumatisch Erfahrung, die Fred macht, aus der er sich mit aller Kraft versucht zu befreien, es aber letztlich nicht schafft. Er bleibt er selbst. Er findet sich nicht als ein angesehener Mechaniker wie es Pete ist, zurecht.
Ausklingen lässt Lynch den Film damit, dass Fred keine Möglichkeit mehr sieht, als zurück zum Anfang zu gelangen, sich einzubilden, dass nur er selbst alles ist. Der der Dick Laurent umgebracht hat, der der die Nachricht am Ende ("Dick Laurent is dead") verschickt, der den alle jagen. Er ist der Sündenbock, er wird gejagt und das bis zum Ende, er kann sich in keiner besseren Welt, in keinem Bilderbuch-Leben zurechtfinden. Er wird gejagt durch die Wüste, ist am Ende angelangt und rast bis zum Ende der verlorensten Autobahn vor der Wahrheit weg und hält diese vor dem Zuschauer auch erstmal verschlossen. Doch um nicht alles auf sich zu schieben, will er doch noch jemanden haben, der für die Videos verantwortlich ist. Er erschafft den "Mystery Man". Er bleibt seine Illusion, seine Angst, sein Mysterium, unser Mysterium, aber auch der der irgendwo schwebt und die Videos macht.
Mit "Lost Highway" hat David Lynch ein faszinierendes Erlebnis geschaffen, dessen Wirkung ein Wort wie "Meisterwerk" nie gerecht wird. Es ist ein Lebenswerk. Ein Stück, was einen erfahren, sehen und hören lässt nach all den Möglichkeiten, die Filme bieten. Vollkommen ohne klare Erfassung entsteht ein eben unfassbares Kunstwerk. So angsterfüllt, wie berauschend, endlos spannend, ohne dass man genau weiß wobei man gerade mitfiebert. Ein filmischer Höhepunkt, einer lang ausgedehnten Autobahn, die in Kurven den Zuschauer endlos in die Irre führt.
10/10




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