Irreversible (Gaspar Noé, 2002)
Über einen Gaspar Noé zuschreiben ist insofern so schwer, weil man das Gefühl hat (obwohl, es ist ja auch meistens einfach so) er selbst würde nichts in seinen Werken aufs Papier bringen. In "Enter the Void" hat man das Gefühl der Mann hätte Clubs und Straßen in Tokyo übereinander gestapelt und von oben die Kamera einfach runter schweben lassen. In "Irreversible" schwebt die Kamera nicht. Sie wirbelt, dreht sich um die eigene Achse und gibt dem Zuschauer erst wieder ein bisschen Orientierung, wenn man in roten Buchstaben das Wort „Rectum“ liest. Doch dann verliert sich die Kamera wieder im Dunkeln, während Lichter aufblitzen und zwei Männer gehetzt um den Club waren. Kein Mensch weiß, was sie tun wollen und sie scheinen es selber nicht zu wissen. Ohne jeden Verstand und einer brennenden Wut im Bauch schlagen sie sich durch die Meute und irgendwann sieht man diesen berüchtigten Gewaltakt. Der Kameramann ist währenddessen wohl eingepennt und der Zuschauer muss sich unter Dauerqualen eine unerträgliche Szene ansehen. Provozierend zeigt Noé wie sich der Mann über einen anderen Mann, der am Boden liegt, her macht und auf ihn hirnlos mit aller Gewalt niederschlägt. Allein diese Szene reicht „Irreversible“ um die rückwärts gehende Erzählweise zu rechtfertigen. Es gäbe nicht wenige Menschen, die diese Szene dadurch gnadenlos abfeiern würden (man fühlt sich teilweise angesichts wegen dem vorher/nachher geschehenden Ereignis fast schon etwas böse ertappt). Es bewirkt aber auch noch, dass eine eigentlich versöhnliche Sequenz mit einer Frau, die friedlich und lesend im Gras liegt zu einer der brutalsten Momente wird. In diesem Fall ist "Irreversible" zu einer Art Vorgänger von „Enter the Void“ wird. Dieser setzt sich zu großem Teil damit auseinander, was Menschen erfahren, wenn ihnen Schmerz widerfahren ist, während „Irreversible“ sich gegen Ende um den bevorstehen Verlust von Menschen befasst. Beide bringen dies auf ihre Weise eindringlich zur Schau und verdeutlichen dem Zuschauer die großen Qualen des psychischen Schmerz.
„Irreversible“ sucht und findet den Konflikt mit dem Zuschauer. Ein Film so unerträglich menschlich, technisch auf höchstem, originellsten Niveau. Der vielleicht wirksamste Anti-Gewalt-Film, den es gibt.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen