Donnerstag, 5. Juli 2012

Melancholia

Melancholia (Lars von Trier, 2011)

Der Vorhang zieht sich auseinander: Licht. Bühne. Ultrazeitlupe. Vögel prasseln aufeinander. Planeten zielen aufeinander. Alles fällt. Alles. Der Weltuntergang wird gezeigt. Sowie Von Trier in letztlich doch nicht zeigen will. So poetisch, unfassbar. Klassische Musik bis zur Grenze des Erträglichen. Bis alles ineinander stürzt. Man weiß es genau. Man hat keine Hoffnung mehr. Weder bei der Hochzeit noch sonst. Ein Ehepaar und die Welt. Zwei Dinge die hier auf härteste Weise auseinander brechen. Kein Wissenschaftler, kein Mensch, niemand hält es für möglich, doch keiner kann es wirklich bezeugen. So wirkt das Ganze ziemlich unsicher und genau das fühlt der Zuschauer, da die melancholischen und niederträchtigen Anfangssequenz all jenen Verdacht auf Rettung zerstört. Trotz des entspannten verspäten bei der Hochzeit. Trotz des locker und lakonischen Humor. Lars Von Trier unterlegt jede einzelne Szene mit einem eiskalten und fast schon demütigen Klang. Konzentriert pflanzt er dem Zuschauer das Gefühl ein, dass es sowieso schon vorbei ist und wie egal das einem doch sein kann, wenn alle Menschen sich mit ständigen Stimmungschwankungen in eine neue Achterbahn aus Verzweiflung, Sicherheit, Selbstzufriedenheit oder Wahnsinn bringen. So können sie schonmal ganz schön anstrengend sein. Wenn sie aber weinend, bedrückt und ohne noch irgendeinen Willen starr da stehen ohne überhaupt eine Bewegung hinkriegen zu können, ohne irgendwelche Kraft, leise und völlig fertig gezeigt werden, hat uns der Regisseur endgültig am Kragen der unfassbaren Denkstrecke gefasst. Nun zerrt der Glaube, das jeder Mensch so frustriert er auch ist, den Weltuntergang nicht mit entspannter Miene beobachtet. Obwohl das Ende einem doch wieder komplett rumreißt und einen Entschluss zieht, nämlich, dass man sich hier nicht einig auf einen echten Entschluss wird und je öfter ich nachdenke, desto zufriedener wirkt das Ende obwohl es letztlich (für mich) unversöhnlich bleibt. Lars Von Triers monumentalstes Werk. Diesmal eher pessimistisch, als so depressiv wie in „Antichrist“, dafür ist die Inszenierung ähnlich wie beim Wald-Terror. Der Prolog langsam, mit einem besondereren Touch und der Rest mit einer in den Bann ziehenden Wackelkamera. Weil Von Trier diesmal mehr Beifall, als den gewünschten „Skandal“ wie zuvor erhielt sicherte er sich diesen natürlich auch noch. Kirsten Dunst als die schöne Depressive ist unglaublich. Man sieht sich in dieser stocksteifen, unsicheren Haltung wieder. Fühlt, schlägt und beißt sich durch den umrissenen, strammen Charakter wie nie. Auch der Rest der Crew ist absolut grandios. Charlotte Gainsbourg übernimmt den zweiten Part mit enormer Kraft und Angst. Versucht ihre Angst nicht unauffällig darzustellen. Versucht dann doch stärker zu wirken. Bleibt misstrauisch. Schließt die Augen und wartet auf die Heimkehr des Planeten während ihre Schwester sich schon lange mit allem abgefunden hat. Ihr Mann versucht es locker zu nehmen, sie zu beruhigen. Versucht sich auf Melancholia zu freuen, bis es irgendwann auch ihm alles klar wird. Der Weltuntergang. Diesmal kein Politiker der den Notstand aufruft. Sondern eine festgehaltene, verlassene, luxuriöse Gegen, die festgehalten wird. Keine Tonnenexplosionen. Keine Wolkenkratzer. Einfach schlicht und schon verstörend. So einfach kann es gehen. 

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